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Pianist und Sänger Anam Owili-Eger zählt zu den großen, aber leider kaum beachteten Talenten von Philadelphia. Unter der Leitung von William „Sonny“ Hoxter und Lyn Riley studierte er jahrelang Jazz, Eileen Liebowitz trainierte sein Stimmtalent. Als frei schaffender Künstler steht er regelmäßig mit Musikerkollegen diverser Band-Projekte auf der Bühne. 2006 brachte Anam jetzt im Alleingang seine EP „These Subtle Declarations“ heraus. Weltoffen und mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet erklärte er SoulSite-Redakteurin Linda Könnecke die Welt der liederschreibenden Lebenssuche, jazzig-souligen Wortspiele und neu entdeckten sozialen Milieus.
Linda: Das Cover deiner EP ziert zwei kleine Personen, die offensichtlich sehr verliebt sind. Dreht sich in der Musik immer nur alles um Liebe? Anam: Bei meinen Songs hat viel mit Liebe zu tun. Aber es geht nicht immer nur um die Liebe zu einer anderen Person, schon gar nicht immer nur um die positive Seite daran. „The Moment“ erzählt von einer glücklichen Liebe, „Day Of Knowing“ hingegen handelt von Gefühlen, die einst stark waren, aber nicht mehr vorhanden sind. Und „Crying Shame“ besingt eine kaputte Beziehung, bei der die Partner wieder zueinander finden.
Das Bild auf der EP hat mein Freund Doug Goudy entworfen. Ich mag es, weil es all die Themen meiner Musik aufgreift: Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit und Herzschmerz.“Reason To Be” und “The Coin” sind meine persönlichen Lieblingsstücke. Worum geht es in den Songs? Oh, das freut mich, das sind auch meine Favoriten! “Reason To Be" spricht über Unterschiede, Depressionen und wie man da selbst wieder rauskommt, aus dieser Entscheidungskrise in der ich mich öfters wieder finde. Als ich das Lied schrieb, habe ich geradein einem mittelständischen Unternehmen gearbeit – ein Aufgabengebiet, von dem ich niemals gedacht hätte, dass ich jemals dort enden würde. Vier Jahre lang war ich dabei und habe es die meiste Zeit gehasst.
Jeder Tag fühlte sich an wie die Verlängerung des vorhergegangenen, nur dass es schlimmer wurde. Einige der Manager konnten nicht verstehen, dass ich meine Zeit für die Musik „verschwende“ und meinten, ich würde da „schon wieder raus wachsen“. Das hat mich sehr verletzt und enttäuscht, gerade weil sie niemals meine Musik gehört haben. Aber sie würdigen grundsätzlich keinerlei kreatives Engagement.
Der Song entstand also aus dieser Selbstfindungssuche, bei der ich entdecken wollte, was ich im Leben erreichen will. Jedenfalls wusste ich, dass ich nicht so wie sie werden wollte.
Mit der Frage nach “The Coin” ist das kurios, weil mein Freund Tim Dillinger mich erst kürzlich nach dem Song fragte. Ein Gedicht von Pastor Niemoller, ich glaube es heißt "First They Came", hat mich dazu inspiriert, eine Figur zu entwickeln, die Macht über andere besitzt. Diese Kraft wollte ich künstlerisch verlagern, so dass die Person ein Außenseiter wird, den die Leute einst bewunderten, zum dem sie jetzt aber ihre Gefühle verändert haben.
Ich habe auch über Kriege und Konflikte nachgedacht, bei denen oft beide Seiten irgendwo falsch liegen. Oder einer behauptet, er hätte mehr Macht als ein anderer, so wie zum Beispiel die US mit dem Irak. Ich denke, der Stärkere sollte moralische Verantwortung tragen, gerecht wie auch fair sein und die Pros und Kons für jeden neuen Schritt abwägen. Leider wird diese Macht häufig ausgenutzt und die Moral oft total ignoriert.
Die Kurzantwort auf deine Frage wäre also: es geht um Kriege, Konflikte, die Bedeutung von Macht und die moralische Verantwortung von Macht. Wie hast du dich eigentlich gefühlt, als du erfahren hast, dass du mit “The Moment” den „Singer/Songwriter Award 2005“ gekommen hast? Ich war schockiert und überrascht, dass ich überhaupt jemals Anerkennung bekomme. Ich hatte kleine Auftritte gehabt und bei Wettbewerben gespielt, aber nie wirklich Erfolg gehabt. Zuvor bin ich immerhin ins Halbfinale des „UK Songwriting Contest“ gekommen. Ein Schock, aber sehr angenehm und motivierend. Für deine EP hast du den Titel “These Subtle Declaration” gewählt. Bedeutet es für dich, dass Musik und ihre Texte immer tiefgründig sein muss, darf die Botschaft eines Songs nicht offensichtlicher sein? Es gibt genug Musik, in der die Aussage direkt rüberkommt. Vielleicht mache auch ich dies ab und zu, aber allgemein liebe ich das Spiel mit Worten. Ich liebe es, Musik zu komponieren, die auf die Worte passt, Texte zu schreiben, die mit der Musik übereinstimmen und Liedwelten zu schaffen, in denen man sich entfalten und gleichzeitig verlieren kann.
Ich möchte einfach meine Liebe zu Worten mit anderen teilen und hoffe, dass sie nicht nur die Musik, sondern auch die Texte zu schätzen wissen.
"These Subtle Declarations" ist eigentlich eine Zeile des Songs "Reason To Be". Und der handelt davon handelt, die eigene Seele zu heilen und die Kraft zu entwickeln, den Sinn des Lebens und Platz im Universum zu finden.  Wie kommt es, dass du die EP auf dem Alleinweg veröffentlicht hast? Es heißt doch stets, dass Philadelphia ein Ort sei, wo Künstler große Unterstützung von kleinen wie großen Labels bekommen. Ich bin mir nicht sicher, wo sie hier in der Gegend stecken. Wen dann habe ich sie noch nicht gefunden und mich auch noch nicht! :)
Die Stadt erfährt eine große Anerkennung für seinen Jazz, Soul wie auch R&B. Viele Künstler kommen aus Philly oder haben zumindest ein paar Jahre hier verweilt. Aber momentan bekommt die Indie Rock-Szene einfach den Großteil der Aufmerksamkeit.
Wir haben viele, sehr viele Jazz- und Soul Musiker, aber leider gibt es nicht genug Orte, an denen sie alle regelmäßig auftreten könnten. Zudem werden wir auch kaum von den Medien beachtet.
Egal wie, ich wollte endlich wieder ins Studio gehen. Es sah auch nicht aus, als würde eine der Bands, mit denen ich gerade zusammenarbeitete, etwas mit mir aufnehmen. Deshalb entschied ich mich, für einige Songs, die ich selbst oft gespielt habe und die meine sind. Während der Aufnahmen beschloss ich, sie als EP zu veröffentlichen.
Du bist nicht nur Musiker vom Herzen heraus, sondern vor allem auch ein studierter. Warum ist es für Künstler wichtig, nicht nur auf ihr Talent zu bauen, sondern auch auf eine ausgewogene Ausbildung in selbigem Bereich? Bildung ist sehr wichtig. Vielleicht ist es nicht absolut notwendig, aber ich selbst bin froh darüber, diesen Hintergrund zu haben. Es ermöglicht dir, Dinge leichter und mit viel mehr Spaß zu erlernen. Dieser Prozess sollte ein Leben lang andauern.
Es ist großartig rein nach Gehör spielen zu können, aber darauf würde ich mich nicht verlassen. Ich erinnere mich nicht mehr an die gesamte Musiktheorie, muss vieles oft noch einmal nachschlagen um mein Wissen aufzufrischen. Aber es gibt mir ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich jene Hintergründe verstehe und Musik eben auch lesen kann. Es vereinfacht vieles.
Das Klavier ist offensichtlich ein Instrument, über das du dich ausdrücken kannst. Dabei fällt den meisten doch das Saxaphon als typisches Element ein, wenn sie an Jazz denken. Woher kommt also deine Entscheidung für die schwarz-weißen Tasten? Meine Mutter erzählte mir, dass ich bereits im Alter von zwei Jahren von Pianos, Orgeln und Keyboard fasziniert gewesen bin und stets versucht hätte, es selbst zu spielen. Wahrscheinlich machen das viele Kinder, aber sie und meine Großmutter erkannten einfach, dass es für mich mehr als der Spaß am Tasten-Hauen war. Von meiner Mutter bekam ich sofort eine Spielorgel und liebte sie. Als ich fünf wurde, nahm mich meine Großmutter in die Stadt und schenkte mir überraschend ein elektronisches Keyboard. Ab dann bekam ich wöchentlichen Klavierunterricht von ihr – ich war weg! Du bist auch Mitglied der Gruppen Blue Scheme und Puzzlebox Experimen, deren Musiker alle unterschiedliche kulturelle Backgrounds haben. Wie kommt es trotz allem dass in der Jazz- und Soul-Szene hauptsächlich die Schwarzen das Geld machen? Also, bei uns hier in die Gegend haben es alle von uns, egal ob Schwarze, Weiße, Asiaten oder Latinos, schwer, mit der Musik Geld zu verdienen! :)
Wenn es aber so ist, dass Schwarze mehr Geld verdienen mit der Musik, vermute ich, dass es an den kulturellen und sozialen Ursprüngen liegt, aus denen die Künstler stammen. Einige haben es eben geschafft und können damit jetzt Geld machen (bzw. andere verdienen an diesen Geschichten).
Natürlich haben sich die sozialen und kulturellen Bereiche immer wieder überlappt, woraus unter anderem auch der Jazz entstand, schwarze Sänger in der Klassik, weiße Musiker im Jazz und manch andere Kombinationen Geschichte schrieben.
Nicht zu vergessen ist hier die stetig wachsende Macht des Internets wie auch der weltweit agierenden Medien. Hip hop ist überall, Soul ist überall, Jazz und Rock eben so wie Klassik. Doch obwohl alles jederorts vorhanden ist, müssen die Leute stets selbst entscheiden, was sie hören möchten. Der Rap wird aktuell immens beworben und die Klassik weniger. Und stark promotete Sachen finden momentan auch mehr Abnehmer.
In den Staaten scheint es oft, als wählten die Zuhörer nach dem “Hobson-Prinzip”. Demnach haben sie volle Entscheidungsgewalt, doch man bietet ihnen nicht ausreichend Möglichkeiten. Du kannst das Radio anschalten und hörst unterschiedliche Rapsong, doch vieles hört sich gleich an, eben keine wirkliche Auswahl. Die Leute wollen immer etwas anderes als der Durchschnitt, doch dafür müssen sie selbst etwas tun, sich engagieren. Für viele ist es bequemer, einfach alles zu mögen, was sie gerade höre, weil ihnen das Formatradio eben nicht viele Möglichkeiten offen lässt.
Seit Satellitenradios und schnelle Internetzugänge jedoch immer populärer werden, denke ich, dass die Leute feststellen, wie viel mehr es noch zu entdecken gibt. Immer mehr hören verschiedene Musikrichtungen und auch die Künstler experimentieren verstärkt mit Genren, wie sie es sonst nie versucht hätten. Das Internet ist somit zu einem neuen sozialen Umfeld für den Mainstream geworden, der Leute miteinander zusammenbringt, wie es in der eigentlich Welt so nicht möglich gewesen wäre. Sie tauschen Ideen aus, lernen voneinander und öffnen sich selbst neuen musikalischen Richtungen in der virtuellen Welt. Es heißt, (Soul-) Jazz sei die “schwarze, klassische Musik der Schwarzen”. Was hältst du davon? Da kann ich nur zustimmen, obwohl ich Jazz die “afro-amerikanische Klassik-Musik” nennen würde. Man sollte schon betonen, dass die Musik trotz ihres weltweiten Erfolgs seine Wurzeln in der afrikanischen Erfahrung des frühen Amerikas hat. Schaut man sich die Spirituals, Arbeitersongs, den Blues und Ragtime an, ist dies dies eine sehr faszinierende Entwicklung des Jazz. Deshalb muss man sowohl den afrikanischen wie auch den amerikanischen Aspekt dieser Musik betrachten. Keiner dieser Teile darf verneint werde, denn ohne beide Hintergründe wäre Jazz nicht zu dem geworden, was er jetzt ist.
Soul ist etwas moderner und entstammt dem Original R&B (aus der Zeit als es noch Rhythmus und Blues hieß). Das großartige an Soul wie auch Jazz ist, dass es nicht darum geht, wer du bist. Solange du die Musik liebst, schätzt und von ihr lernst, bist du auch ein Teil des Ganzen. So wie Bobby Byrd einst sagte: "I know you got soul...if you didn't, you wouldn't be in here!"
Du bist sehr offen, was Musik angeht. Wohin soll dich die Zukunft tragen? Na, rein körperlich betrachtet will ich überall auftreten und ein aufgeschlossenes Publikum treffen, insbesondere außerhalb der U.S.
Ganz ernsthaft, es fällt mir schwer, alles in einer Kiste zu halten. Ich bin mit soviel unterschiedlichen Musikstilen aufgewachsen, dass ich mich nicht einschränken will und kann. Ich will Song machen, zu denen die Leute grooven, aber auch mehr ruhigere Lieder, die atmosphärischer klingen und abheben.
Björk zum Beispiel, eine meiner Lieblingskünstlerinnen zum Beispiel: Ob man sie nun liebt oder hasst, jeder kennt sie. Die Fans vertrauen ihr so stark, dass sie ihr auf jedem musikalischen Weg folgen würden. Diese Freiheit hätte ich auch gerne. Ich aber, dass es viel Zeit braucht, um eine solche Beziehung zum Publikum aufzubauen.
Wenn ich hoffentlich gegen Ende des Jahres anfange an meiner ersten, kompletten CD zu arbeiten, soll sie voller klingen. Ich möchte ein paar mehr Instrumente einbauen und differenzierte Affekte und Gestaltungsmöglichkeiten für die Songs einbringen.
Meine Musik ist ehrlich und kommt vom Herzen. Wenn es das nicht ist, kann ich es nicht genieße. Dann wäre es auch schwer für mich, dies von anderen zu erwarten, zumal die Songs ja mein Innerstes ausdrücken. Selbst wenn ich die Handlung eines Songs nur ausgedacht habe, muss ich an sie glauben können. Einige Künstler können Musik machen, an die sie nicht wirklich glauben, aber dazu zähle ich nicht. Es ist mir einfach zu wichtig.
Einen Eindruck seines jazzig, experimentellen Schaffens im Sinne der „Subtle Declarations“ bekommt man übrigens auf Anams Homepage unter Anamowilieger.com.
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